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Samstag, 20. Dezember 2025

Werden Grundrechte der Menschen zum Kostenfaktor und Luxusgut?

In einem Gastbeitrag für die WELT hat die frühere Familienministerin Kristina Schröder beschreiben, dass wir uns bestimmte Leistungen für Menschen mit Behinderungen nicht mehr leisten können. Sie erntete dafür heftige Reaktionen, u.a. von Beata Ackermann, Sprecherin der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft, die in der Frankfurter Rundschau ein Interview gab und Corinna Rüffer auf Facebook

Teilhabe ist ein Grundrecht – und kein Geschenk 

Kristina Schröder stört vor allem die Unterstützung psychisch kranker Menschen, deren Anträge durchgewunken würden. Die Realität sind anders aus, oft müssen die Familien um jeden Cent kämpfen und die Anträge dauern Monate. Die Unterstützung ist auch keineswegs großzügiger als in skandinavischen Ländern. 
Corinna Rüffer beklagt das Gegeneinander-Ausspielen, wenn sie beklagt, dass Behinderte Assistenz bekommen, Pflegekräfte aber nicht. Ackermann sieht im Titel „Was wir uns künftig nicht mehr leisten können“ Parallelen zur Euthanasie. Die Grundrechte der Menschen werden hier zum Kostenfaktor erklärt und als Luxusgut interpretiert. 

Fragwürdige Lösungsvorschläge 

Schröders Fazit ist entlarvend: Entweder mehr und länger arbeiten und die Atomkraft nutzen – oder wir können uns die Eingliederungshilfe nicht mehr leisten. Sie machten die Hilfe zum Hebel für eine Agenda, die mit Behindertenpolitik nichts zu tun hat. 
Beide Autorinnen kritisieren die möglichen Folgen dieser Vorschläge. Sie sind gesetzeswidrig, da sie das Sozialstaatsgebot und der UN-Behindertenrechtskonvention widersprechen. Menschen mit Behinderungen würden weiter ausgesondert und ihrer Teilhabemöglichkeiten beraubt. 

Donnerstag, 14. August 2025

Wie Unternehmen Inklusion vermeiden – und davon auch noch profitieren

In der Süddeutschen Zeitung haben Natalie Sablowski und Sabrina Ebitsch einen weiteren Artikel über Werkstätte für Menschen mit Behinderung geschrieben. In Beiträgen habe ich über die bisherigen Artikel  berichtet. Auch das Politikmagazin Monitor berichtete über die Ergebnisse auf ihrer Facebook-Seite 

Ausgleichsabgabe wird umgangen 

Arbeitgeber in Deutschland müssen Menschen mit Behinderungen beschäftigen – oder Strafe zahlen. Doch es gibt eine Hintertür im Gesetz. Eine Datenanalyse zeigt, wie sich Betriebe Millionen sparen und wohin das Geld fließt.
Unternehmen mit 20 oder mehr Mitarbeitenden müssen mindestens 5 % ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Tun sie dies nicht, müssen sie eine Abgabe zahlen. 
Die Süddeutsche Zeitung, das inklusive Magazin andererseits und die Recherche-Plattform FragDenStaat haben gemeinsam recherchiert: Nur 39 Prozent der zur Beschäftigungsquote verpflichteten Betriebe erfüllen sie vollständig. Der Rest, knapp 111 000 Arbeitgeber, zahlt Ausgleichsabgabe.

Über 800 Millionen werden verteilt 

Eigentlich hätten die Firmen 900 Millionen Euro Ausgleichsabgabe, also Strafe zahlen müssen. Dies können sie aber umgehen, wenn sie Werkstätten beauftragen. Von den verbleibenden 816 Millionen gehen 18 Prozent an einen Ausgleichsfonds. Dieser finanziert über die Bundesagentur Eingliederung von schwerbehinderten Menschen auf den Arbeitsmarkt. Ein kleiner Teil geht an die Werkstätten zur „institutionellen Förderung“, der große Rest, knapp 670 Millionen Euro, entfällt auf die Integrations- und Inklusionsämter der Länder. Damit werden Integrationsfachdienste oder Inklusionsbetriebe finanziert, die besonders viele Menschen mit Behinderung einstellen.

Werkstätten sind umstritten 

Über Umwege landet also Geld wieder in den Werkstätten. Kritiker bezeichnen die Werkstätten als „Sonderarbeitswelten“, weil dort behinderte Arbeitnehmer eben nicht inklusiv, sondern getrennt von Nicht-Behinderten beschäftigt sind. Sie gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der rund 300.000 Menschen in Werkstätten in einem normalen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten könnten. 

Unternehmen profitieren mehrfach

Statt also im eigenen Betrieb Arbeitsplätze für behinderte Menschen zu schaffen oder die Inklusion zumindest indirekt durch die Ausgleichsabgabe zu fördern, profitieren deutsche Unternehmen mehrfach von den Werkstätten: Sie sparen durch die reduzierte Abgabe, haben steuerliche Vorteile und können günstig produzieren lassen, was sonst mit höheren Kosten im Unternehmen selbst gefertigt werden könnte.

Kritik an der Ausgleichsabgabe

Im Jahr 2022 gingen 84 Millionen Euro an die Werkstätten. Mit diesem Geld könnte man mehr als 20.000 Arbeitsplätze in Büros so umbauen, dass Menschen mit Behinderung dort arbeiten können. Man könnte auch ein Jahr lang mehrere Tausend Helfer für Menschen mit Behinderung bei der Arbeit bezahlen. Manche Unternehmen müssen gar keine Abgabe mehr zahlen, weil sie Aufträge an Werkstätten vergaben - obwohl kein einziger Mensch mit Behinderung dort arbeitet. 

Gründe für die Zurückhaltung 

Neben den finanziellen Vorteilen vermuten Experten praktische Gründe für die Zurückhaltung. Die Beschäftigung in den Werkstätten ist einfacher statt den Arbeitsplatz anzupassen oder Förderung zu beantragen. Es gibt auch Vorurteile: Behinderung wird häufig gleichgesetzt mit nicht qualifiziert, nicht leistungsfähig. Das stimmt so nicht – unter den Arbeitslosen mit Behinderung ist der Anteil an qualifizierten Fachkräften höher als bei den anderen. 

Vorurteile abbauen 

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht deshalb auch im Abbau von Vorurteilen den ersten wichtigen Schritt. Der Pharmakonzern Merck erfüllt die Quote und freut sich über die hohe Motivation und die kreativeren Lösungen durch unterschiedliche Perspektiven. 
Eine Forderung ist, dass Firmen nicht mehr so einfach weniger Strafe zahlen, wenn sie Aufträge an Werkstätten vergeben. Außerdem sollten sich Werkstätten für den normalen Arbeitsmarkt öffnen. Das Angebot Budget für Arbeit beim Start in den Beruf wird bisher nur wenig genutzt. 

Mittwoch, 25. Juni 2025

Wie barrierefrei ist das Internet?

Vivien Timmler analysiert in der Süddeutschen Zeitung, wie barrierefrei das Internet ist. Anlass ist ein Gesetz, das Betreiber zur Barrierefreiheit verpflichtet. 

Grenzen des Internets 

Für viele Menschen mit beeinträchtigten Sinnen ist das Internet nicht barrierefrei. Untersuchungen zeigen, dass sie an Grenzen kommen, weil plötzlich ein Video abgespielt wird, ein Fenster aufpoppt oder ein Mausklick notwendig ist. Ein Test der Münchner Stiftung Pfennigparade kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: nur ein Drittel der untersuchten Online-Shops ist barrierefrei – so ist Inklusion und soziale Teilhabe nicht möglich. 

Viele Menschen haben eine Einschränkung 

In Deutschland haben 7,8 Millionen Menschen eine anerkannte Schwerbehinderung. Viele von ihnen benötigen Mittel wie eine Tastatursteuerung, Braille-Zeilen oder eine Sprachausgabe, um sich im Internet zurechtfinden zu können. Auch für Menschen mit Sehschwäche und motorische Einschränkungen wäre eine Webseite mit vergrößerbaren Schriften und guten Kontrasten hilfreich. 

Regelung zeigt bisher wenig Wirkung 

Die EU hatte bereits 2019 eine Richtlinie erlassen, die Mitgliedstaaten verpflichtet, Produkte und Dienstleistungen barrierefrei zugänglich zu machen. Deutschland hat dies im sogenannten Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes umgesetzt, am 28. Juni endet nun die Umsetzungsfrist. Webshop-Betreiber müssen mit Abmahnungen und Bußgeldern rechnen. Bisher hat sich wenig verbessert. Zunächst müssen nur Betreiber neuer Webseiten die Anforderung erfüllen, andere nehmen die Bußgelder in Kauf. 

Wie sieht eine barrierefreie Website aus?

Grundvoraussetzung für eine barrierefreie Seite ist, dass sie auch mit der Tastatur bedienbar ist. Optisch ist wichtig, dass die Elemente gut sichtbar sind und durch Kontraste gut lesbar ist. Der wichtigste Punkt für Experten ist für Experten aber eine eine Sensibilisierung für das Thema. Die neue Rechtslage allein hat das bislang nicht geschafft. Helfen könnte künstliche Intelligenz, mit der Beschreibungen für Bilder und Videos geniert und auf individuelle Bedürfnisse anpassbar macht. 

Sonntag, 20. April 2025

Inklusion in Behindertenwerkstätten - Sackgasse mit System

Im zweiten Artikel der Serie "Sackgasse mit System" beschreiben Natalie Sablowski und Sabrina Ebitsch, warum die meisten Beschäftigten ein Berufsleben lang in den Behindertenwerkstätten bleiben. 

Von der Förderschule zur Werkstatt für behinderte Menschen

Für viele vor allem kognitiv beeinträchtige Menschen ist der Weg vorgezeichnet. Sie gehen auf eine Förderschule und arbeiten später in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Heute sind es mehr als 300.000, die Zahl ist seit den 1990er Jahren deutlich gestiegen. Dabei hat sich Deutschland vor 16 Jahren durch die Ratifikation der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) verpflichtet, Sonderstrukturen wie Förderschulen oder Werkstätten abzubauen und mehr Inklusion zu ermöglichen. Die Ampelregierung hat eine Reform angekündigt, dies aber nicht durchgeführt, auch die neue Regierung bleibt schwammig.

Aus zwei Jahren wurden 27 Jahre

Petra Loose wollte zwei Jahre in der Behindertenwerkstatt arbeiten - zum Innehalten, Orientieren, als Rehamaßnahme. Daraus sind nun 27 Jahre geworden. Sie hatte eine Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin gemacht, kam aber mit dem Tempo nicht klar. Fördermaßnahmen des Arbeitsamts halfen auch nicht – die die vermeintlich temporäre Rehamaßnahme wurde zur Sackgasse.

Für Exporten sind Werkstätten oft ein „goldener Käfig“

Experten kritisieren das Fehlen passgenauer Unterstützung, so fordern die Werkstätten, obwohl die Rehabilitation eine ihrer zentralen Aufgaben wäre. Nach zwei Jahren Berufsbildungsbereich soll entscheiden werden, ob es ind er Werkstatt oder dem ersten Arbeitsmarkt weitergeht. De Eingliederung gelingt je nach Berechnungsweise nicht einmal vier Prozent – Werkstätten werden zum goldenen Käfig.
Hubert Huppe war Behindertenbeauftragter der Bundesregierung und beklagt die enttäuschende Bilanz nach 16 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention. „Solange die Barrieren draußen existieren, solange die Menschen im Kindergarten, in der Schule, im Beruf nicht zusammenkommen, werden auch die Barrieren in den Köpfen niemals abgebaut“,

Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnisse

Die 3000 Betriebsstätten sind meistens unterteilt in einen Förder- und einen Arbeitsbereich. Im Förderbereich arbeiten Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung keiner Tätigkeit nachgehen können. Im Arbeitsbereich haben etwa drei Viertel kognitive Einschränkungen, 20 Prozent eine psychische Behinderung und vier Prozent nur eine körperliche Einschränkung. Diese Menschen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Hier haben die Menschen die Möglichkeit verschiedene Bereiche auszuprobieren, auch durch Praktika in Betrieben. Einige könnten sicher im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen, für viele Werkstätten entsteht aber ein Interessenkonflikt, denn wer will schon seine beste Mitarbeiter gehen lassen?

Viele fühlen sich wohl – und beklagen geringen Lohn

Die Menschen verdienen sehr wenig, im Monat kommen sie im Schnitt auf 225 Euro. Viele finden das zu wenig, allerdings bekommen sie staatliche Zuschüsse. Wenn man alles zusammenrechnet, verdienen die Menschen mit Behinderung ähnlich viel wie Menschen ohne Behinderung. Sie müssen auch keine Angst haben, arbeitslos zu werden.
Viele Menschen fühlen sich in den Werkstätten wohl und wertgeschätzt, nach Studien will nur ein Drittel wechseln. Allerdings gibt es Unterschiede – Anfang wollen rund die Hälfte weg, je länger die Menschen in der Werkstatt arbeiten, desto stärker nimmt dieser Wunsch ab. Viele haben Angst, ihre Freunde zu verlieren, fürchten, dass sie nicht genug Hilfe bekommen oder scheitern könnten.

Entfernung von der „normalen“ Gesellschaft

Je größer die Entfernung von der vermeintlich normalen Gesellschaft, desto größer ist die Angst. Ein Experte kritisiert deshalb die Werkstätten: Die Menschen werden zuerst von anderen getrennt. Später sollen sie wieder mit anderen zusammenarbeiten. Dann haben viele aber keine Lust mehr oder trauen sich nicht mehr. Inklusion heißt aber gerade nicht, Menschen passend zu machen. Sondern die Umstände.

Inklusion in Behindertenwerkstätten - Gelungene Integration

Die Süddeutsche Zeitung hat gemeinsam mit dem inklusiven Magazin andererseits recherchiert. Vor einiger Zeit ist bereits ein Artikel über Inklusion in Behindertenwerkstätten erschienen  erschienen. Im April haben Natalie Sablowski und Sabrina Ebitsch drei weitere Artikeln verfasst, die ich hier vorstellen möchte. 

Gelungene Integration

Im Artikel Gelungene Integration beschreiben Sablowski und Ebitsch  den Fall eines jungen Mannes, dem der Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt gelungen ist.

Die Ausnahme – Sprung in den ersten Arbeitsmarkt

Sebastian Wirth ist der Sprung in einen regulären Job gelungen – er ist damit aber eine Ausnahme.
In den Behindertenwerkstätten hat Sebastian Wirth Bauteile eingebaut, gelötet, Scheinwerfer zusammengebaut – solche Tätigkeiten gibt es auch in normalen Fabriken. In einer dieser Firmen ist Sebastian Wirth gelandet.  Als Produktionshelfer bezieht er Mindestlohn, während die früheren Kollegen für eine ähnliche Arbeit nur sehr wenig bekommen. Er braucht Routinen und feste Strukturen, die für andere vermeintlich langweilige Arbeit macht ihn glücklich. Auch sein Chef ist zufrieden, er schafft nicht die hohen Stückzahlen, dafür ist er immer pünktlich und zuverlässig. Die Einstellung war kein Freundschaftsdienst, er sei Unternehmer.

Zusätzliche Unterstützung auch in der Arbeitswelt notwendig

Neben seiner Mutter hatte Sebastian auch zusätzliche Unterstützung durch die Agentur Access, die Menschen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ermöglichen wollen. . Während die Werkstätten einen Reha-Auftrag haben, d.h. die Arbeitsfähigkeiten der Klienten zu fördern und auf den Beruf vorzubereiten. Der Experte Stefan Doose fordert eine Unterstützung auch im regulären Betrieb „Supported Employment“ ist der englische Fachbegriff dafür. Er möchte, dass Werkstätten ein Unterstützungsnetzwerk werden, auch für Menschen außerhalb.

Unabhängige Agentur unterstützt

Die Agentur konnte seit ihrer Gründung 1998 über 1000 Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt bringen. Die Leiterin betont, dass es aber Menschen gibt, die der allgemeine Arbeitsmarkt aufgrund ihres Verhaltens und der Auswirkungen ihrer Behinderungen nicht aufnehmen kann. Für die, die wollen, sollte es aber eine Chance geben. Access hilft bei der Vorbereitung, Jobcoaches und der Bürokratie, denn der Paragrafen- und Fördermittelantragsdschungel ist groß.

Gestiegenes Selbstbewusstsein

Die Arbeit hilft Sebastian, er ist stolz auf das Erreichte, sein Selbstbewusstsein ist gestiegen. Dies trifft auch auf andere zu: Die Menschen werden selbständiger und zufriedener. Sie sind sehr stolz auf das, was sie erreicht haben.

Sonntag, 13. April 2025

Inklusion in Behindertenwerkstätten - Koalitionsvertrag bringt Rückschritte

Im Artikel Rückschritt in Sachen Inklusion beschreiben Natalie Sablowski und Sabrina Ebitsch die Kritik an den Inklusionsanstrengungen und geben einen Ausblick, was von der neuen Regierung zu erwarten ist.

Die wollen Inklusion nicht

Der frühere Behindertenbeauftragte Hubert Hüppe geht hart mit Regierung und Unternehmen ins Gericht: „Die wollen Inklusion nicht. Denn Inklusion ist schlecht für das Geschäft.“ Vom Aufbruch die UN-Behindertenrechtskonvention ist nicht mehr viel zu spüren – Sondersysteme haben sich durchgesetzt und an Einfluss gewonnen.

Koalitionsvertrag mit Absichtserklärungen

Der Koalitionsvertrag liest sich gut: Einsatz für eine inklusive Gesellschaft, Abbau von Barrieren, auch der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt soll gestärkt werden. Sobald es konkret wird, handelt es sich eher um kleine Stellschrauben. Die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sollen reformiert, das Werkstattentgelt erhöht werden. Ein Teil der Ausgleichsabgabe soll an die Werkstätten gehen.
Forscher sehen darin genau die falsche Richtung. Das Geld sollte nicht in einen inklusiven Arbeitsmarkt gesteckt werden, die Regelung ist ein Rückschritt in Sachen Inklusion. Für Hüppe ist der Koalitionsvertrag kein Papier in Richtung Inklusion und Aufbrechen der Sonderstrukturen, sondern der Bewahrung der Ausgrenzung und eher ein Rückschritt als Fortschritt.“ "Die Arbeitslosigkeit wird sich dadurch eher erhöhen."

700 Millionen Ausgleichsabgabe

Eigentlich müssen Unternehmen, gestaffelt nach ihrer Größe, Menschen mit Behinderung einstellen. Ab 20 Mitarbeitern gilt eine Beschäftigungspflicht, ab 60 sollen mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt werden. Die Mehrheit der Unternehmen hält diese Quote nicht ein und zahlt lieber eine Abgabe – so kommen jährlich 700 Millionen Euro zusammen. Nur knapp 40 Prozent aller Arbeitgeber erfüllen die Beschäftigungspflicht vollständig, ein Viertel gar nicht.

Kritik an Zahlungen

An den Regeln gibt es vielfältige Kritik. Einerseits kann man sich mit der Abgabe letztlich freikaufen. Andererseits fließt das Geld in einen Fond, mit dem Modellvorhaben, Forschung und Leistungen der Arbeitsagenturen finanziert werden. Strukturen, die Behinderte eigentlich fördern sollen, profitieren, wenn Firmen ihrer Inklusionspflicht nicht nachkommen. Die Abgaben sind steuerlich absetzbar und lassen sich mit Aufträgen an Werkstätten verrechnen: Wer also Behindertenwerkstätten beauftragt, zahlt weniger. Dies steht im Widerspruch zum Ziel mehr Perspektiven für den ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen.
Der jüngste Teilhabebericht des Arbeits- und Sozialministeriums diagnostiziert dazu passend, dass ein hoher „Marktwiderstand“ bestehe, „eine zu geringe Bereitschaft und Selbstverständlichkeit, passgenaue berufliche Möglichkeiten für beeinträchtigte Menschen herzustellen“.

Berührungsängste bei den Arbeitgebern – oder sogar Ressentiments

Neben den finanziellen Fehlanreizen gibt es auch bürokratische Hindernisse. Arbeitgeber kritisieren, dass Kündigungen nur mit Zustimmungen des Integrationsamts möglich sind. Außerdem gibt es Berührungsängste, schlimmstenfalls Ressentiments. Zugleich ist die Zahl der Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung höher statt niedriger als noch in den 1990er Jahren.

Übergangsquoten erschreckend gering

Obwohl ein Drittel der Beschäftigten lieber auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten würde, ist die Übergangsquote äußerst gering. Hüppe fordert deshalb Konsequenzen: Der Statt muss prüfen und notfalls Bedingungen für das Geld stellen. Vorbild ist hier Hamburg, die ihre Unterstützung nicht nach der Zahl der besetzten Plätze finanzieren. Der entscheidende Effekt: Wenn die Zahl der in einer Einrichtung betreuten und beschäftigen Menschen sinkt, bedeutet das nicht automatisch weniger Geld für die jeweilige Werkstatt. Bundesweit sieht es oft anders aus: die finanziellen Mittlen richten sich nicht an den individuellen Bedürfnissen, sondern an den Werkstätten aus. 

Ausgleichsmaßnahmen im Koalitionsvertrag nicht ausreichend

Für die Menschen erhalten mit der Rente mehr, als das was jemand mit Mindestlohn bekommt.
Da viele nur in Teilzeit auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen, landen viele in der Grundsicherung. Der Koalitionsvertrag sieht einen nachteilsausgleich bei Übergangen vor, aber nur für die, die in Werkstätten gearbeitet haben. Wer erst gar nicht in die Werkstatt will und versucht außerhalb zu arbeiten, bekommt offensichtlich die Nachteilsausgleiche wie Rente und Arbeitsförderungsgeld nicht.“ Er sieht damit die Sondersysteme gestärkt.

Werkstätten bekommen 6,5 Mrd. Euro

Die Werkstätten bekommen jedes Jahr 6,5 Milliarden Euro vom Staat. Mit diesem Geld werden die Werkstätten bezahlt und die Menschen in den Werkstätten unterstützt. Pro Person sind das fast 19.000 Euro – Geld das fehlt, wenn jemand auf den ersten Arbeitsmarkt wechselt.
Die Werkstätten widersprechen dieser Einschätzung und verweisen auf das individuelle Wahlrecht. Hüppe kritisiert die starke Lobby und das Drehtür-Prinzip zwischen Interessenvertretung und Politik
Ein Beispiel: Im Saarland wurde der Landesgeschäftsführer der WfbM zum Landesbehindertenbeauftragten gewählt. So gedeihen Sondereinrichtungen immer weiter.

Werkstätten als Netzwerk für alle Menschen mit Unterstützungbedarf  

Die Koalitionäre wollen die Werkstätten erhalten - ein System, das von den Vereinten Nationen in seiner jetzigen Form als menschenrechtswidrig eingestuft wird. Es braucht deshalb Reformen und eine bessere Bezahlung, für die, die in Werkstätten bleiben wollen und eine unabhängige Förderung für die, die gehen wollen. Professor Doose will die Werkstätten als ein Netzwerk für die Teilhabe von Menschen, die höheren Unterstützungsbedarf haben.

Donnerstag, 30. Mai 2024

Diversität nur wenn es nicht wehtut

Paulina Würminghausen kritisiert anlässlich des Diversity-Tags in der Süddeutschen Zeitung, dass deutsche Unternehmen bei Vielfältigkeit schlecht abschneiden. Da hilft auch ein "Deutscher Diversity-Tag" nicht viel.

Diversität als schwer greifbare Worthülse

In Chefetagen wird der Begriff inflationär verwendet, es gilt als modern und fortschrittlich. Letztlich ist es aber schwer greifbare Worthülsen. Sie wollen die "solidarische und vielfältige Gesellschaft in Deutschland im Arbeitsmarkt abdecken. Sie denken dabei aber nicht an Menschen mit ADHS oder Autismus. Betroffene werden stigmatisiert und strukturell benachteiligt. Auch in anderen Bereichen sieht es nicht besser aus. „Es ist einfach zu sagen, dass man Diversität wichtig findet. Sie aber wirklich zu leben, ist ein ganz anderes Thema.“

Nur mit Verständnis und Akzeptanz funktioniert Diversität auch

Ein erster Schritt wäre nicht abfällig über Kollegen zu reden. Man darf Unordnung oder nicht eingehaltene Termine kritisieren, sollte aber einordnen können, warum sich Mitarbeiter so verhalten. Mit Verständnis und Akzeptanz können Teams diverser sein. Fast genauso schlimm findet die Autorin es aber, wenn Unternehmen ihre diversen Mitarbeiter als "Profitbringer" oder gar "Superhelden" vermarkten.

In diversen Teams werden Menschen weniger diskriminiert

In diversen Teams können Arbeitnehmer ihr volles Potential entfalten, sie sind gesünder und motivierter. Auch die Unternehmen profitieren, denn wer arbeitet nicht gerne für ein Unternehmen, das einen genauso akzeptiert, wie man ist? Egal, ob mit einer anderen Hautfarbe, Religion, Kultur - oder eben mit ADHS.

Donnerstag, 14. März 2024

Wie kann man Ableismus verlernen?

In einem eindrucksvollen Essay beschreibt Rebecca Maskos im SPIEGEL Rebecca Maskos über die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung im Alltag - und wie man Ableismus verlernen kann

Der Körper als Querulant, Provokation und Projektionsfläche

Die Autorin bezeichnet ihren Körper als Querulant „viel zu klein, nicht symmetrisch,
die Beine krumm und kurz, der Hals auch, die Arme zu lang, der Rücken schief.“ Er ist ebenso eine Provokation für das Medizinsystem, das ihn vollkommen und heilen möchte. Ihr Körper ist „eine Projektionsfläche: für all die Ängste und den Abscheu vor Behinderung, vor der größten anzunehmenden Körperkatastrophe. Sie wird gelobt, wenn sie ihren Rollstuhl einlädt, bemitleidet und nach Sex und Kindern gefragt.

Ableismus – systematische Abwertung

Die Autorin nennt diese Phänomene Ableismus – er reduziert Menschen ebenso wie Sexismus oder Rassismus auf ein Merkmal. Wenn ihr etwas gelingt, dann trotz ihrer Behinderung. Ableismus ist vielfältiger als der Begriff „Behindertenfeindlichkeit“, er kommt verkleidet als Kompliment, Mitleid und „in Form des Drucks, gesund und leistungsfähig zu sein.“ Obwohl die Grenzen zwischen Behinderung und Nichtbehinderung fließend sind, konstruiert Ableismus ein Entweder-Oder

Strukturelle Ausgrenzung in den Medien

Die Autorin beklagt die systematische Ausgrenzung. Dies reicht von Märchen von Sieben Zwergen über Filme, in denen Behinderte den Tod herbeisehnen hin zu Thomas Gottschalk, wie er 2023 einen jungen Wettkandidaten im Rollstuhl behandelt. Diese strukturelle Ausgrenzung geht bis in die Antike zurück.

Eugenik – die Verbesserung des Erbguts

Während der Industrialisierung entstanden Anstalten. Mit medizinischen Klassifikationen und Diagnosen versuchte man, ihre querulantische Naturhaftigkeit unter Kontrolle zu bringen.
Die Ideologie der Eugenik mit dem Ziel der Verbesserung des Erbguts führte zu Gesetzen, die Ehen mit Kranken verboten. Die Nationalsozialisten ermordeten unter dem Begriff „Euthanasie“ 300.000 behinderte Menschen.

Abstand halten aus Angst

Nur drei Prozent aller Beeinträchtigungen sind angeboren, der Rest entsteht durch Unfälle oder chronische Krankheiten. Durch Ausgrenzung kann man Behinderung ausblenden. „Was man fürchtet, hält man auf Distanz.“ Menschen fragen nicht die Autorin, sondern ihre Begleiter, machen mehr Platz als nötig. Auch ihrer Eltern wollten, dass sie sehr gut ausgebildet ist, denn einen Ehemann würde ich sicher nicht finden. Viele behinderten Frauen werden immer noch zur Sterilisation gedrängt, sie leben mit einem hohen Risiko, sexualisierte Gewalt zu erleben.

Sonderwelten abschaffen

Die Autorin kritisiert die „Maschinerie der Sonderwelten“, durch die das gefürchtete Szenario Behinderung aus dem Alltag entfernt und das »Problem« der Betreuung auf kapitalistisch-effektive Art erledigt wird. Noch immer arbeiten über 310.000 Menschen in Werkstätten und rund 200.000 leben in stationären Einrichtungen – von der in der Behindertenrechtskonvention geforderten Abschaffung der Sonderwelten ist Deutschland weit entfernt.

Ableismus verlernen

Wir müssen Ableismus verlernen: kein Geld für Sonderwelten, sondern mehr Geld in Assistenz und Pflege, inklusive Arbeitsorte und ein Schulsystem, das allen Kindern gerecht wird.
Ableismus verlernen heißt auch, sich zu fragen, wie nah man behinderte Menschen an sich heranlässt und ihnen zuzuhören: Texte zu lesen, ihnen zu folgen. „Sie nicht mehr zu »anderen« zu machen. Und die Affekte gegenüber »fremden«, »anderen« Körpern zu verlernen: Angst, Ekel, Scham, Faszination.
Ableismus zu verlernen hieße, auch querulantische Körper zu lieben – und sich von ihrer Schönheit überraschen zu lassen.“

Freitag, 16. Februar 2024

Erfolge und Hindernisse bei der Inklusion im Beruf

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine junge Frau mit fetalem Alkoholsyndrom, die es nach langem Kampf zu einem festen Job in einem Friseurbetrieb geschafft hat. Viele Betriebe umgehen die Schwerbehindertenquote immer noch.

Jeder Mensch hat einfach verdient, eine Zukunft zu haben

Über Umwege kam Catrin zum Friseursalon, denn die erste Ausbildung zur Hotelfachfrau brach sie ab. Zunächst übernahm die Agentur für Arbeit die Ausbildungsvergütung, jetzt hat sie eine Festanstellung. Die junge Frau hat ein Fetales Alkoholsyndrom und damit eine Schwerbehinderung.
Eine Friseurin, die nebenberuflich am Berufsförderzentrum erkannte das Potential und sagt zurecht:
„Jeder Mensch hat einfach verdient, eine Zukunft zu haben. Und wenn nicht hier in Deutschland, wo dann?“

Hohe Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Schwerbehinderung 

In Deutschland leben rund 7,8 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung. 11,5 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Und das, obwohl sie überdurchschnittlich qualifiziert sind – die Hochschulabschlussquote liegt bei Arbeitslosen mit Behinderungen knapp 10 Prozent über der von Arbeitslosen ohne Behinderung. Trotz allem ist die Arbeitslosenquote bei ihnen fast doppelt so hoch. Trotz der Verpflichtung zur Einstellung von Schwerbehinderten, beschäftigt jedes vierte Unternehmen keinen einzigen Menschen mit Behinderung – ein Viertel von den mehr als 170 000 beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Deutschland.

Umstrittene Quote 

Die Quote ist umstritten, denn Unternehmen können sich freikaufen. Seit Beginn des Jahres liegt die Ausgleichsabgabe bei 720 Euro, dafür wurde das Bußgeld abgeschafft, das bei vorsätzlichem Vorgehen verhängt werden könnte. Der Friseursalon muss die Quote nicht umsetzen, da sie weniger als 20 Beschäftigte haben. Dennoch nimmt sie regelmäßig Praktikanten vom Berufsförderzentrum auf. Die Chefin zweifelt an den Quoten: „Die Chefs müssen erst einmal davon abkommen, dass Gewinnoptimierung das oberste Ziel ist.“

Deutschland tut zu wenig für Menschen mit Behinderung 

Die Vereinten Nationen bescheinigten Deutschland zahlreiche Mängel bei der Umsetzung des UN-Behindertenrechtskonvention. Barrierefreies Bauen ist immer noch nicht verpflichtend, Kinder und Jugendliche haben immer noch Schwierigkeiten, eine Ausbildung und einen Job zu finden.
Unterstützung für Unternehmen

Führen Kürzung zu mehr Menschen in Behindertenwerkstätten?

Ein Unternehmen in Nürnberg zeigt, dass die Einstellung von Menschen mit Behinderungen ein Vorteil darstellen können: „Der Zusammenhalt im Team größer als je zuvor“. Er fordert weniger Bürokratie und Unterstützung bei der Einstellung und Betreuung. Nun drohen Kürzungen bei der Arbeitsmarktförderung. Die Autoren befürchten, dass dann noch mehr Menschen in Behindertenwerkstätten arbeiten. Aktuell sind in dort 300 000 Menschen beschäftigt, die monatlich nur 250 Euro verdienen. Nur 0,3 Prozent der Beschäftigten schaffen es pro Jahr, in einen regulären Job zu wechseln. Die Grünen-Abgeordnete Katrin Langensiepen nennte dies das „bestausgeweitete Billiglohn-Modell der EU“.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Menschen mit Behinderung: Illusion statt Inklusion

Cristina Helberg berichtet in der ZEIT über die Situation von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt: Illusion statt Inklusion.

Nur wenige Unternehmen beschäftigen Menschen mit Behinderungen.

Rund 300.000 Menschen arbeiten in Behindertenwerkstätten, nur sehr wenige gelingt der Wechsel in einen regulären Job. Auch die Verpflichtung Menschen mit Behinderung einzustellen, wird von vielen Unternehmen gebrochen: 45.000 Unternehmen beschäftigen keine Menschen mit Schwerbehinderung.

Veränderungen bei Verpflichtung

Bisher mussten Unternehmen mit mehr als 20 Arbeitsplätzen eine Ausgleichszahlung zahlen, wenn sie nicht fünf Prozent schwerbehinderte Menschen einstellen. Bei Vorsatz drohten Bußgelder. Diese Bußgelder wurden in der Praxis selten verhängt und wurden mit Beginn dieses Jahres eingestellt. Im Gegenzug wird die monatliche Ausgleichsabgabe für Unternehmen, die keine Behinderten einstellen, auf bis zu 720 Euro angehoben.

Eines Rechtsstaats unwürdig

Die Kritik an der Abschaffung des Bußgelds ist groß, „Es ist eines Rechtsstaates unwürdig, dass man die Schwächsten nicht schützt", sagt Franz-Josef Düwell, ehemaliger Richter am Arbeitsgericht und Sachverständiger beim Gesetzgebungsverfahren. Der Sozialverbband Deutschland sieht eine schwere Diskriminierung „Wenn falsches Handeln keine Konsequenzen hat, dann ändert sich auch nichts“.

Ausgleichsabgabe steuerlich absetzbar

Die FDP hatte auf die Streichung gedrängt und mit Bürokratie begründet. Die erhöhte Ausgleichsabgabe ist für viele aber kein ausreichender Ausgleich. Die Abgabe ist steuerlich absetzbar, sie wird wohl also kein Druckmittel sein: Daran, dass Zehntausende Arbeitgeber keine Menschen mit Behinderung einstellen, dürfte sich also vorerst nichts ändern.

Donnerstag, 30. November 2023

Viele Menschen mit Behinderung sind arbeitslos

Das Handelsblatt kritisiert, dass Unternehmen das Potential von Menschen mit Behinderung nicht ausnutzen.

Arbeitslosenquote doppelt so hoch

Der Inklusionsbarometer Arbeit zeigt, dass die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung doppelt so hoch ist wie der übrigen Teilnehmer: Von den rund 1,49 Millionen Menschen mit einer Behinderung, die dem regulären Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, waren im Jahr 2022 durchschnittlich 163.500 arbeitslos – also jeder neunte.

Viele Betriebe beschäftigen nicht genug Behinderte

Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten sind zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung verpflichtet. Nur 39 % erfüllen die Quote von 5 % und müssen deshalb die monatliche Ausgleichsabgabe zahlen.

Bessere Informationen geplant

Ein wichtiger Hebel für eine Verbesserung könnte die Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber sein. Sie bündeln die Informationen und Unterstützungsmaßnahmen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung.
Dieses niedrigschwellige Angebot soll insbesondere die kleineren Unternehmen ansprechen, deren Arbeitsplatzreservoir noch nicht ausgeschöpft ist, so die Studie.


Mittwoch, 18. Oktober 2023

Wie kann Inklusion besser gelingen?

Alice Pesavento fragt auf ZDF-Homepage, wie Inklusion besser gelingen kann.

Mehr Menschenrechtsbildung und Partizipation

Der Deutschen Behindertenrat fordert mehr Menschenrechtsbildung. In Deutschland gebe es noch ein Schubladendenken. Es braucht eine Bereitschaft, Inklusion wirklich zu wollen und Unterschiedlichkeit der Menschen wertzuschätzen.

Bildung als Schlüssel

Studien zeigen, dass schulische Inklusion zu mehr Toleranz und Hilfsbereitschaft führt. Noch immer geht die Mehrheit der Kinder mit Förderbedarf auf eine Förderschule. Diese Parallelstruktur setzt sich in den Werkstätten fort, in denen mehr als 310.000 Menschen beschäftigt sind.

Mehr Schutz vor Diskriminierung

Ein weiterer Hebel für bessere Inklusion wäre ein besserer Schutz von Menschen mit Behinderungen vor Diskriminierung. Die Pflicht zur Barrierefreiheit sollte auch für private Anbieter von Waren und Dienstleistungen gelten. Hier sind pragmatische Lösungen möglich: So müsse eine Firma, die beispielsweise einen blinden Mitarbeiter beschäftigt, nur seinen Computer mit einer Braillezeile ausstatten und nicht direkt alle Computer in der Firma.

Getrenntes statt gemeinsames Lernen

Das es noch ein weiter Weg zur Inklusion ist, zeigt ein Bericht des ZDF-Magazin, den Sie von der Seite abrufen können. Sie zeigt eine Schülerin, der die Unterstützung gestrichen wurde und die letztlich auf eine private Schule wechseln musste.

Donnerstag, 13. April 2023

Hotel statt Werkstatt - Ausbildung im Inklusionshotel einsmehr

In der Süddeutsche Zeitung berichtet Florian Fuchs über ein tolles Projekt in Augsburg, das Leute in den allgemeinen Arbeitsmarkt bringt, die sonst durch jedes Raster fallen.

Preisgekröntes Inklusionsunternehmen

Das Inklusionshotel „Einsmehr“ in Augsburg hat nicht nur den Bayerischen Tourismuspreis gewonnen, sondern auch eine bundesweit einmalige Ausbildung für Menschen mit Beeinträchtigung geschaffen. Das Hotel ist als Projekt aus einer Initiative von Eltern aus dem Großraum Augsburg hervorgegangen, deren Kinder das „Down-Syndrom“ haben: Das Chromosom 21 ist dreimal statt zweimal angelegt, eins mehr eben.

Keine passenden Ausbildungsmöglichkeiten  

Ob Housekeeping oder Service -viele Menschen, die zuvor in Werkstätten gearbeitet haben, sind nun hier fest angestellt. Noch mangelt es aber an der passenden Ausbildungsmöglichkeit. Es fehlen Ausbildungsgänge zwischen dem Niveau „Fachpraktiker“, also einer vereinfachten, vor allem praktischen Ausbildung, und der Tätigkeit in einer Werkstatt. Menschen.

Geduld ist notwendig

Der Umgang mit den Menschen mit Beeinträchtigungen erfordert Geduld und Umdenken, so sind unterschiedlichen Putzmittel für Bad und andere Bereiche sind mit Farben versehen, damit es keine Verwechslungen gibt. Manche arbeiten auch in anderen Hotels – mit positiven Veränderungen für die Teams.

Idee auf andere Branchen übertragen

Die Verantwortlichen wollen die Ausbildungsidee auf andere Bereiche übertragen -aber niemand fühlt sich zuständig. Es geht um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und eines Grundrechts – der Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Das Hotel ist erfolgreich

Der Erfolg gibt den Verantwortlichen recht. Einige Ausgebildete haben mit ihrem Zertifikat eine feste Anstellung bekommen. Das Hotel hat eine hohe Auslastung. Das gründet nicht nur auf Ambiente und Konzept des Hotels, sondern auch auf den Mitarbeiterinnen und der laut Dusel „angenehmen Stimmung“ im Haus.

Donnerstag, 9. März 2023

Behindert und auf Jobsuche

Eine Doku des Norddeutschen Rundfunks begleitet behinderte Menschen bei der Arbeitssuche.  In der Dokumentation werden einige Menschen mit Behinderungen bei ihrer Jobsuche begleitet, meistens mit großen Schwierigkeiten, aber in einigen Fällen durchaus mit Erfolg. Besondres erschütternd ist, dass eine Person jahrelang dagegen kämpfen musste, abgestempelt zu werden.

Recht auf Job auf dem ersten Arbeitsmarkt funktioniert nicht

Obwohl der Übergang auf den Arbeitsmarkt staatlich mit viel Geld und Personal gefördert wird, haben ihn bisher von rund 320.000 Beschäftigten in den Behindertenwerkstätten nur ganze 1.500 Personen geschafft. Weniger als ein halbes Prozent: eine verheerende Bilanz. Für Ulrich Schreibner, der früher selbst Geschäftsführer war, haben Werkstätten gar kein Interesse an der Vermittlung.
Aber auch die Unternehmen kommen ihrer Pflicht nicht nach. Sie zahlen lieber eine Abgabe (im Film zurecht Peanuts genannt).

Positive Beispiele

Der Film zeigt aber auch Positives. Zum einen die Probanden, die mit viel Engagement versuchen dem System zu entkommen. Zum anderen zeigt das Beispiel einer Behindertenwerkstatt, dass es auch anders geht. Hier kümmern sich Jobcoaches um die Mitarbeiter, durch ein anderes Honorarsystem haben die Werkstätten keinen Anreiz, Mitarbeiter im System zu halten.

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Die Anstalt über Inklusion

Die Anstalt ist eine meiner liebsten Satiresendungen, da sie durch gute Recherche viele Probleme auf den Punkt bringen. In der letzten Ausgabe des Jahres 2022 ging es um das Thema Inklusion. Wie immer bietet die Anstalt einen Faktencheck an, aus dem ich auch hier zitiere.

Cripping

Cripping bedeutet, dass nicht-behinderte Schauspieler*innen Menschen mit Behinderung spielen beziehungsweise sich entsprechend verkleiden – sowas wie Blackfacing.
Besonders kritisiert werden Charity-Sendungen, in denen Menschen zu Geldspenden aufgerufen werden und Menschen mit Behinderungen zu Bittstellern degradiert werden. Ein besonders fragwürdiges Beispiel zeigt eine Sendung des Österreichischen Fernsehens, in dem ein vierjähriges Kind mit dem Roller um DJ Ötzi kurvt.

Behindertenwerkstätten

In diesem Blog habe ich schon mehrfach über Kritik an Behindertenwerkstätten berichtet. In der Sendung werden zentrale Kritikpunkte aufgezeigt.  
Behindertenwerkstätten machen einen Umsatz von 8 Milliarden – eine Summe, die sich aus rund 5 Milliarden vom Staat und Arbeitsaufträgen zusammensetzt. Sie produzieren konkurrenzlos billig- die Löhne betragen durchschnittlich 1,35 Euro. Da sie keine „richtigen“ Arbeitskräfte sind, steht ihnen nicht der Mindestlohn zu. Das ist für viele Firmen lukrativ – Unternehmen zahlen lieber eine Sonderabgabe, wenn sie die Schwerbehindertenquote nicht verfüllen und lassen dann billig in Behindertenwerkstätten produzieren. Der Bericht verweist auch auf die ernüchternde Quote der Vermittlungen auf den ersten Markt – im letzten Jahr waren es 80 der rund 300.000 Beschäftigten.

Verkehrsunfälle

In ihrem Solo geht Barbara Ruscher auf eine Ursache ein, warum die Zahl an behinderten Menschen steigt – Verkehrsunfälle, die vor allem durch rasende Männer verursacht werden. Allein 2021 kam es zu über 324.000 schweren Verletzungen.

Inklusion im Schulsystem

Auch die Probleme bei der Inklusion in der Schule werden eindrucksvoll aufgezeigt. Da die Bundesländer unterschiedliche Wege gehen, ist ein Vergleich schwierig. In einigen Fällen bleib es dabei Sonderschulen in Förderschulen umzubenennen.  Deren Ergebnisse sind ernüchternd: Über 70 Prozent verlassen die Förderschule ohne berufsqualifizierenden Abschluss und bleiben in der Regel ihr Leben lang auf das staatliche Fürsorgesystem angewiesen, Fazit: Die Kinder ziehen sich gegenseitig runter. Fast 80-90 Prozent der Förderschüler*innen kommen aus Familien mit wenig Geld und Migrationshintergrund.

Kultusministerkonferenz

Im internationalen Vergleich hat Deutschland ein so hoch differenziertes Förderschulsystem wie kein anderes Land. Der Abschnitt zur Kultusministerkonferenz zeigt leider, dass mein Bundesland Baden-Württemberg in diesem Bereich besonders schlecht abschneidet. Lediglich Bayern kann mithalten, denn hier hat sich die Zahl der Kinder auf Förderschulen sogar noch erhöht.

Donnerstag, 22. September 2022

Werden Menschen mit Behinderung in Werkstätten ausgebeutet?

Chris Schneidewind beschäftigt sich in einem Artikel des Redaktionsnetzwerk Deutschland mit den Löhnen in Behindertenwerkstätten. Die Menschen verdienen im Durchschnitt 1,46 Euro – weit entfernt von den 12 Euro, die ab Oktober als Mindestlohn gelten.

Werkstätten nicht mit Betrieben vergleichbar

Kathrin Völker ist Geschäftsführerin der BAG WfbM, der bundesweite Fachorganisation der Werkstattträger. Sie verteidigt die niedrigen Löhne durch die besondere Situation in den Werkstätten. Es gibt keine vergleichbaren Pflichten. Außerdem bieten Werkstätten weitere Leistungen wie pflegerische Unterstützung, Ergo- und Physiotherapie, Logopädie sowie Angebote aus dem Sport- und Kulturbereich an. Außerdem gibt es staatliche Leistungen, sodass die Menschen nicht vom Lohn leben müssen.

Eine klare Menschenrechtsverletzung

Katrin Langensiepen ist Abgeordnete im Europaparlament und sieht in den niedrigen Löhnen eine Menschenrechtsverletzung. Sie verweist darauf, dass es sehr wohl Druck besteht und die Werkstätten Aufträge erfüllen müssen.

Mangelnde Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung

In einem Punkt sind sich beide einig: Menschen mit Behinderungen sind in der Öffentlichkeit zu wenig sichtbar. Vorurteile müssen aus dem Weg geräumt werden, damit die Menschen eine echte Chance haben. Erschreckend niedrig ist die Quote der Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden. In Zeiten des Fachkräftemangels kann und soll die Integration von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden.

Mittwoch, 6. Juli 2022

Kein Mitleid, sondern ernst genommen werden

Christoph Koopmann beschreibt in der Süddeutschen Zeitung über Katrin Langensiepen, die ins Europäischen Parlament geschafft hat.

Mitleid und wenige Zutrauen

Katrin Langensiepen hat das TAR-Syndrom, sie hat eine Immunschwäche, ist kleinwüchsig und verkürzte Arme. Von klein auf wurde ihr eingetrichtert, dass sie es nicht packt. Behindertenfeindlichkeit ist nicht nur mit dem Finger auf einen zeigen, sondern auch das permanente Unterschätztwerden.

Menschen mit Behinderungen sind wenig öffentlich wahrnehmbar

7,8 Millionen Schwerbehinderte - fast 10 % der Bevölkerung – leben in Deutschland. Zwar gilt mittlerweile das Prinzip der Inklusion, in dem aber auch etwas Gönnerhaftes mitschwingt: Wir lassen euch mitmachen. In der Öffentlichkeit werden Menschen mit Behinderungen wenig wahrgenommen, die Unternehmen zahlen lieber Strafe statt Menschen mit Behinderungen einzustellen, auch viele „Kinder mit Förderbedarf“ gehen weiterhin nicht auf Regelschulen. Auch in der Politik gibt es nur wenige Vertreter*innen. Prominent sind Wolfgang Schäuble als Opfer eines Attentats und Malu Dreyer, die Multiple Sklerose hat.

Engagement als Europaparlamentarier

Im Europaparlament sind es vier von 705 – Katrin Lagensiepen ist eine davon. Eigentlich wollte sie sich um andere Themen kümmern, nachdem sie gesehen hat, welche Nischendasein Behinderung im Parlament hat, hat sie selber übernommen. Über die Kommunalpolitik ist sie in das Europaparlament gekommen und versucht nun dort das Thema voranzubringen. Der Artikel berichtet über zahlreiche Hindernisse – in vielfältiger Form – aber die Frage des Artikels „Was kann sie da eigentlich ausrichten?“ ist bei dieser Frau sicher mit „Einiges!“ zu beantworten

Es ist in jedem Fall ein interessanter Bericht über eine interessante Frau - mehr Informationen zu der Arbeit finden Sie auf der Homepage von Katrin Langensiepen.

Freitag, 5. November 2021

"Menschen mit Behinderung finden in der Mitte unserer Gesellschaft nicht statt"

Der STERN berichtet über Laura Gehlhaar. Sie sitzt im Rollstuhl seit sie 23 Jahre alt ist. Sie leidet nicht unter ihrer Behinderung, aber sie leidet unter der Diskriminierung, die sie täglich erfährt.

Systematische Ausgrenzung

Die systematische Ausgrenzung begann während ihrer Schulzeit, als ihr nahegelegt wurde, doch in die Förderschule unter ihresgleichen zu gehen. Auch nach dem Abitur wurde es nicht besser: Vom Studium der Psychologie wurde ihr mit der Frage abgeraten „Wie wollen Sie denn anderen Menschen helfen, wenn Sie selbst Hilfe brauche“

Behinderung als Schreckensszenario

Sie kritisiert eine Werbekampagne mit Autobahnplakaten für mehr Sicherheit, auf denen körperlich behinderte Menschen zu sehen sind. Ein Mann im Rollstuhl, darüber der Schriftzug "Weil der andere ein Bier hatte". Behinderungen werden als Symbol des Schreckens benutzt, ohne Rücksicht auf diejenigen, die es betrifft.

Verpflichtende Barrierefreiheit

Gesetze könnten helfen. Gehlhaar wünscht sich eine verpflichtende Barrierefreiheit für die Privatwirtschaft. Dann könnten sie sich frei bewegen und entscheiden, wann sie wo hingeht. Ihre Behinderung würde zur Normalität in einer diversen Gesellschaft gehören – und nichts weniger ist ihr Ziel.

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Begnadet anders

In einer Dokumentation der ZDF-Reihe 37 Grad geht es um drei Menschen mit Behinderung, die mit ihren besonderen Talenten „begnadet anders“ sind:

Oftmals schlummern Talente in ihnen, wie der Tastsinn der Blinden, eine Inselbegabung bei Autisten oder das feine Gespür von Gehörlosen. Nur wenn Unternehmen und Arbeitgeber einen Perspektiv-wechsel wagen, kann eine gute Zusammenarbeit gelingen.
Lange waren auch die drei Protagonist*innen abgestempelt, nun haben sie sich unersetzlich gemacht:

Drei Menschen sind "begnadet anders"

Die erblindete Claudia kann dank ihres ausgeprägten Tastsinns kleinste Veränderungen im Brustgewebe identifizieren können und arbeitet in der Krebsvorsorge. Außerdem möchte sie parallel ihren Berufswunsch als Masseurin erfüllen.
Für solche sicherheitsrelevanten Aufgaben haben Autisten wie Andreas ein besonderes Faible: Tausende Pakete manuell auf Gefahrgut durchleuchtet werden Viele können Muster präzise erkennen und verfallen dabei nie in Routine.
Die gehörlose Camelia (52) arbeitet in einer Teemanufaktur. Hier arbeiten Hörende und Gehörlose zusammen. Camelia ist inzwischen zur Teamleiterin aufgestiegen. Auch ihr kommt zugute, dass andere Sinne ausgeprägter sind.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Ein offenerer Umgang mit schwer behinderten Menschen

In Jetzt – dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung – wurde eine Job-Kolumne einer Heilerzieherin veröffentlicht – sehr interessant, was die junge Frau zu sagen hat. 

Aufgaben einer Mama oder eines Papas

Sie beschreibt die Arbeit in ihrer Gruppe: Unterstützung im Alltag, gemeinsames Kochen oder eine gemeinsame Freizeitgestaltung. Es ist schön zu leben, mit welcher Begeisterung sie nach anfänglichen Zweifeln ihrer Arbeit nachgeht.

Von Inklusion nichts zu spüren

Nachdenklich und betroffen machen ihre Erzählungen von einem Besuch ihrer Wohngruppe in einer Pizzeria. Da eine Frau mit Kopffehlstellung Probleme beim Spaghetti essen hatte, beschwerte sich ein älteres Ehepaar, das sie so etwas Ekelhaftes beim Essen nicht sehen wollen. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschärft. 

Dankbarkeit und Wertschätzung

Neben Schwierigkeiten berichtet die Heilerziehungspflegerin auch von den positiven Momenten. Der Ehrlichkeit der „ein einfaches „Ich hab dich lieb“ oder ein „Guten Morgen“, wenn ein Bewohner aufsteht und dich in den Arm nimmt – also vor Corona natürlich“.