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Montag, 26. Juli 2021

Zeitschrift Orientierung - Politische Bildung in der Praxis

Orientierung“ ist eine Fachzeitschrift für Teilhabe des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe. Die Zeitschrift erscheint viermal jährlich und hat eine klare Position: „Unser Thema sind Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Unterstützungsbedarf und nicht "Behinderte"!

Ausgabe Politik

Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich anlässlich der Bundestagswahl mit dem Thema Politik.
Die Ausgabe enthält Beiträge von Menschen, die die selber Politik machen, die sich einmischen, um das gesellschaftliche Beisammensein mit zu gestalten. Die sich als Beiräte mit (eigener Behinderungs-)Erfahrung stark machen für Belange von Menschen mit Unterstützungsbedarf. Menschen mit Handicap berichten davon, wie sie politisch mitgestalten. Wie sie sich vernetzen, um besser gehört zu werden.

Politik in der Praxis

Ein Artikel stammt von Hannah Kaltarar, Pressesprecherin der Diakonie Stetten. Anlässlich unseres Projekts „Die Landtagswahl und Heimat Baden-Württemberg“ berichtet sie von unserer Arbeit an der Diakonie Stetten. Ein Teil des Artikels basiert auf einem Interview mit mir, in dem ich auf meine Arbeit zurückblicke.

Es hat sich viel getan

In den letzten 20 Jahren hat sich viel verändert: Da die Menschen an verschiedenen Standorten wohnen, sind die Seminare nicht mehr so gut besucht, dafür hat sich viel getan: Politiker*innen haben das Thema erkannt und viele Menschen mit Behinderungen sind aktiv geworden

Raum für Diskussionen schaffen

Ein – oft schwer zu erreichendes – Ziel ist, das Seminar in leichter Sprache zu gestalten. Daneben sollen sich Teilnehmer*innen austauschen und ihre Meinung sagen können – solange sich diese im Rahmen des demokratischen Spektrums befinden. Zum Glück musste ich bisher nur selten bei menschenverachtenden Aussagen eingreifen.

Mitarbeiter*innen sind wichtig

Bei meiner Arbeit für die Ludwig-Schlaich-Akademie versuche ich die Auszubildenden zu sensibilisieren. Mit Begeisterung höre ich bei meinem Unterricht für die Ludwig-Schlaich-Akademie, wie politisch interessierte Bewohner*innen unterstützt werden. Deswegen ist es wichtig, dass sie einfach und unkompliziert Informationen bekommen.

Mittwoch, 9. Juni 2021

Tests zur Früherkennung – gibt es bald weniger Menschen mit Downsyndrom?

Alex Rühle beschäftigt sich in der Süddeutschen Zeitung mit einem wichtigen und schwierigen Thema. Ein Test zur Früherkennung von Trisomie 21 wird bald von den Krankenkassen übernommen – wird es bald weniger Menschen mit Downsyndrom geben?

Eigentlich geht es um einen großen medizinischen Fortschritt. Statt Schwangeren Fruchtwasser oder Plazentagewebe zu entnehmen, reichen beim neuen „nicht-invasiven pränatalen Test“ ein paar Tropfen Blut, um Trisomie nachweisen zu können. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat entschieden, dass dieser Test von Krankenkassen übernommen werden.

Werden weniger Kinder mit Trisomie 21 geboren?

Der Autor beschreibt das Beispiel Dänemark – einen der besten Sozialstaaten der Welt – in dem die Zahl der Kinder mit Trisomie seit dem Test nach unten gegangen ist, obwohl ein engmaschiges System Kindern und Eltern umfassend hilft. Droht dies auch für Deutschland?

Man muss entschlossen sein, sein Kind nach dieser Diagnose zu bekommen

Vom Test als Kassenleistung gehen zwei Signale aus: „Zahlt die Kasse, ist der Test ein Teil der Schwangerschaftsvorsorge „wir wollen keine Menschen mit Downsyndrom“. Auch das Recht auf Nichtwissen wird eingeschränkt und fast zur Bockigkeit.  

Ein Schritt zum Designerbaby?

Im Artikel wird beschrieben, dass immer mehr „Krankheiten“ (in Anführungszeichen, weil Trisomie eben keine Krankheit ist!) wie Mukoviszidose früh erkannt werden können. Jede Abweichung wird als Minusvariante eines guten Lebens betrachtet, manche sehe eine bedenkliche Dimension in Richtung Designerbaby.

Ist die Zulassung gerecht?

Der Autor verweist auf zu Beginn des Textes, dass die Zulassung des Medikaments auch als gerecht bezeichnet werden kann, denn schließlich gibt es den Test, er kosten aber bis zu 300 Euro. „Warum also sollte Eltern mit geringem Einkommen die Möglichkeit verwehrt bleiben, sich zu vergewissern, ob ihr Kind mit Trisomie geboren wird?“

Donnerstag, 6. September 2018

Einschränkungen machen erfinderisch

In der Süddeutschen Zeitung ist ein interessanter Artikel über eine taubblinde Juristin erschienen: Einschränkungen machen erfinderisch

Sie ist taubblind - und eine der einflussreichsten jungen Personen weltweit. Die Harvard-Juristin Haben Girma erklärt, warum gerade auch Menschen mit Behinderungen ein Unternehmen erfolgreicher machen können.

Nicht still in einer Ecke sitzen

Ein wichtiger Grund für ihren Erfolg: "Ich bin sehr neugierig. Ich will nicht still in einer Ecke sitzen. Und klar bin ich ehrgeizig. Warum sollte man sich mit weniger zufriedengeben, wenn man nach den Sternen greifen kann?", sagt sie.

Inklusive Unternehmen sind erfolgreicher

Sie ist überzeugt, dass von Menschen mit Behinderungen ein Innovationsschub ausgehen kann:
"Inklusive Unternehmen sind erfolgreicher".
Dank moderner Technik wird auch die Kommunikation mit anderen Menschen leichter: Wer ihr etwas sagen will, tippt es in eine Tastatur, die sie ständig bei sich trägt und den Gesprächspartnern gibt. Über Bluetooth wird das Getippte in Blindenschrift übersetzt und auf Girmas Lesegerät übertragen.

Eine faszinierende Frau und ein interessanter Artikel – absolut lesenswert!

Mittwoch, 28. März 2018

Die Politik lässt die Inklusion scheitern

Jan-Martin Wiarda, Kolumnist des Tagesspiels, hat unter dem Titel Die Politik lässt die Inklusion scheitern die derzeitige Umsetzung der Inklusion in Schulen scharf kritisiert.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Seiner Meinung nach ist Inklusion von Schülern mit Behinderungen ist richtig und machbar. Doch in Deutschland lassen Politiker die Reform aus Angst vor misstrauischen Eltern und Lehrern gegen die Wand fahren
Aufgrund der Unterfinanzierung misstrauen Eltern und Lehrer und befürchten, dass ein inklusives Schulsystem nicht allen gerecht werden kann. Dadurch kommt es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung – Politiker nehmen diese Stimmung auf und verhindern das Gelingen von Inklusion.


Ähnlich argumentier Raul Krauthausen im Deutschlandfunk. Er wirft der deutschen Bildungspolitik Totalversagen vor:
 

Donnerstag, 8. März 2018

Zielgruppenorientierte oder inklusive Angebote - oder beides?!

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob zielgruppenorientierte Angebote für Menschen mit Behinderungen positiv oder negativ für die inklusive politische Bildung sind.

Inklusive oder zielgruppenorientierte Angebote –oder beides?! 

Das Konzept der Zielgruppenorientierung entstand während der gesellschaftlichen Reformdiskussion in den 70er Jahren. Die damalige Debatte war durch das demokratische Postulat ebenso geprägt wie durch die ökonomische Notwendigkeit nach steigender Qualifizierung von Arbeitnehmer/innen. Das Konzept zielte darauf, die Lebensumstände einer homogenen Zielgruppe zu verbessern und richtet die pädagogische Aufmerksamkeit auf Bildungsbenachteiligte (vgl. Lutz 2004: 28).

Menschen mit Behinderungen sind keine homogene Gruppe 

Die Übertragung dieses Konzepts auf Menschen mit Behinderung ist schon deshalb fragwürdig, weil es sich nicht um eine homogene Gruppe handelt. Hinzu kommt der eklatante Widerspruch zur Inklusion, denn Menschen müssen sich stigmatisieren lassen, bevor man ihnen hilft. Zielgruppenorientierte Angebote könnten die Exklusion sogar noch verstärken, „einerseits durch die Separierung, andererseits durch die defizitorientierte Perspektivierung“ (Zurstrassen 2014).
Auch Ackermann verweist darauf, dass die Zielgruppenorientierung in der Erwachsenenbildung mit dem Anspruch auf Inklusion kollidiert, betont aber, dass „die Forderung nach offenen Angeboten den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen bzw. Teilhabeeinschränkungen nicht gerecht wird.“ (Ackermann 2014).

Scheingegensatz zwischen Inklusion und Zielgruppenorientierung 

Dönges und Köhler (2015: 87) sprechen von einem Scheingegensatz zwischen inklusiver und zielgruppenorientierter Vorgehensweisen und zeigen anhand eines Partizipationsmodells für einzelne Menschen, dass an die Stelle von Zuschreibung von Defiziten die Identifizierung von Barrieren und der Versuch deren Beseitigung treten kann. Auch Besand und Jugel (2015: 105ff) fokussieren auf das Erkennen und Überwinden von Exklusionsmechanismen und  plädieren für eine zielgruppenspezifische politische Bildung jenseits tradierter Differenzlinien wie Herkunft, Behinderung oder Geschlecht. Vielmehr sollten Zugangserschwernisse wie Kommunikation oder bauliche Beschaffenheit thematisiert und beseitigt werden.

Gefordert wird deshalb ein „sowohl-als-auch“: „Inklusive politische Erwachsenenbildung beinhaltet einerseits separate Kurse für Menschen mit Behinderung zu Themenbereichen wie Selbstbestimmung oder persönliche Assistenz, andererseits Kurse, in denen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung gemeinsam an politischen Themen arbeiten. Schließlich hat politische Erwachsenenbildung nicht nur die Aufgabe, Betroffene zu Wort kommen zu lassen, sondern auch Betroffenheit im Sinne von Empathie herzustellen.“(Ackermann/Ditschek 2015: 240)
Dies kann durch gezielte Unterstützung z. B. durch Assistent/innen oder Gebärdendolmetscher/innen während „normaler“ Seminare geschehen, aber auch durch differenzierte Angebote. Dies können Fortbildungen sein, vorbereitende Einheiten vor den eigentlichen Veranstaltungen oder Seminare, die speziell auf die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen ausgerichtet sind.

Literaturhinweise


Ackermann, Karl-Ernst (2014): Politische Bildung für eine inklusive Gesellschaft, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Werkstatt inklusiv, http://www.bpb.de/lernen/werkstatt-politikdidaktik-inklusiv/180603/k-e-ackermann-politische-bildung-fuer-eine-inklusive-gesellschaft ..

Ackermann, Karl-Ernst/Ditschek, Eduard Jan (2015): „Voraussetzungen, Ziele und Orte inklusiver politischer Erwachsenenbildung“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, 230- 242.

Besand, Anja/Jugel, David (2015): „Zielgruppenspezifische politische Bildung jenseits tradierter Differenzlinien“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S.99-109.

Dönges, Christoph/Köhler, Jan Markus (2015): „Zielgruppenorientierung oder Inklusion in der politischen Bildung – Dilemma oder Scheingegensatz?“,  in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S. 87-98.

Lutz, Jürgen (2004): „Integrative politische Bildung – eine Quadratur des Kreises?“ in: Anna Rieg-Pelz (Hg) „Mitdenken – Mitreden – Mitwirken. Politische Bildung mit allen und für alle Menschen“, Erwachsenenbildung konkret 8, 2004, S. 24-32.

Zurstrassen, Bettina (2014):“ Inklusive Didaktik der politischen Bildung? Überlegungen als Beitrag zur Definition eines Begriffs (aus Sicht der Politikdidaktik)“, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Werkstatt inklusiv, http://www.bpb.de/lernen/werkstatt-politikdidaktik-inklusiv/180303/b-zurstrassen-inklusive-didaktik-der-politischen-bildung, 2014.

Donnerstag, 15. Februar 2018

Inklusion und politische Bildung

Inklusion – eine wichtige Aufgabe für die politische Bildung

Definitionen von politischer Bildung sind vielfältig und teilweise widersprüchlich. Betrachtet man aber eines der zentrales Ziele der Inklusion, nämlich „jedem Menschen in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen auf  Grundlage seiner individuellen Bedarfe Zugang, Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen, dann hat Inklusion auch und gerade mit politischer Bildung sehr viel zu tun“ (Besand/Jugela 2015:45). Inklusion ist für die politische Bildung somit eine Aufgabe, die die sie aus eigenem Anspruch erfüllen sollte (Hilbert 2015).

Wie kann die politische Bildung dieser Herausforderung begegnen?

Hufer (2015: 455) zeigt anhand von Statistiken auf, dass es sich bei politischer Bildung um eine Minderheitenveranstaltung handelt und besonders Menschen mit einem höheren Abschluss vertreten sind. Dies hat Auswirkungen auf die Programmplanung.  „Geplant wird zunächst einmal für die, die zuverlässig kommen. Und diese signalisieren, was ihre Erwartungen sind. Das ist ein durchaus bequemes, vor allem aber relativ sicheres Programmplanungsverhalten“.
Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen. Die Menschen, die zu politischen Bildungsmaßnahmen kommen, egal ob von Volkshochschulen oder politischen Stiftungen kommen - haben es eigentlich nicht nötig – sie wissen meistens relativ gut informiert.

Neue Wege beschreiten

Freiwilligkeit ist das zentrale Prinzip der Erwachsenenbildung, niemand kann zur Teilnahme gezwungen werden. Hufer analysiert unterschiedliche Gründe der Nichtteilnahme. Während es bei Menschen mit körperlichen Einschränkungen „nur“ darum geht, räumliche Voraussetzungen handelt, stellt sich bei der Adressierung von Menschen mit Lernschwierigkeiten das Problem, Themen ohne Substanzverlust zu vermitteln.  Auch sozial benachteiligter Menschen werden durch politische Bildungsmaßnahmen kaum erreicht, ein wichtiger Grund hierfür, dass Probleme thematisiert, aber letztlich nicht gelöst werden können.

Literatur

Besand, Anja/Jugel, David (2015): „Inklusion und politische Bildung – gemeinsam Denken“ in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S.45-58.

Hilbert, Wolfram (2015): „Inklusion und politische Bildung – ein Überblick“, http://www.bpb.de/lernen/projekte/inklusiv-politisch-bilden/215965/workshop-2014.

Hufer, Klaus-Peter (2015): „Politische Jugend- und Erwachsenenbildung – auch für Menschen mit Teilnahmeeinschränkung?“  in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S. 243- 255.

Freitag, 19. Januar 2018

Mit Kooperationen zu erfolgreichen inklusiven Veranstaltungen

Wie können inklusive und zielgruppenspezifische Bildungsmaßnahmen zustande kommen  – und wie können Menschen zur Teilnahme motivieren werden?

Mit Kooperationen zu erfolgreichen inklusiven Veranstaltungen

Bisher sind es vor allem Einrichtungen der Behindertenhilfe, die politische Bildungsmaßnahmen für Menschen mit Behinderungen durchführen,  in „öffentlich verantworteten Bildung wird sie bislang kaum wahrgenommen und findet allenfalls in Ausnahmefällen und marginalisiert statt“ (Acker-mann/Ditschek 2015: 238). Die Autoren fordern deshalb die Expertisen aus den Systemen Erwachsenenbildung und Behindertenhilfe zusammen zu führen (ebd.: 240).
Auch ich sehe in der Kooperation zwischen Volkshochschulen als eine der bedeutendsten Akteuren der Erwachsenenbildung und Einrichtungen der Behindertenhilfe großes Potential. Im Rahmen der Kooperation zwischen der Volkshochschule Unteres Remstal und der Diakonie Stetten sind in den vergangenen 15 Jahren über 70 politische Bildungsveranstaltungen zustande gekommen. Dazu zählen Abendseminare an der Diakonie Stetten, gemeinsame Veranstaltungen an Einrichtungen der Volkshochschule sowie gemeinsame Besuche bei Politiker/innen und Institutionen. Es gab und gibt berechtigte Kritik an diesem Vorgehen, u.a. weil viele Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der Diakonie Stetten stattfinden (vgl. dazu Lutz 2004). Dennoch haben die Veranstaltungen einen Teil zur Stärkung der politischen Teilhabe beigetragen.

Warum wurden bisher so wenig Nachahmer gefunden?

Einerseits liegt die Verantwortung sicherlich bei Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenbildung, denn die „zunehmende Ökonomisierung auch der Weiterbildung bietet allzu oft … eine Begründung dafür, nicht auf diejenigen zugehen zu können, die Bildung am dringendsten benötigen.“ (Ditschek 2014). Andererseits könnte auch das Verhalten und den Ansprüchen mancher Vertreter/innen von Behindertenhilfen ein Hindernis darstellen. So berechtigt die Forderungen z.B. nach Bereitstellung von Assistent/innen und Gebärdendolmetscher/innen und deren Angebot bereits bei der Planung ist, stellt dies für viele Planende ein unkalkulierbares Risiko bei der Programmgestaltung dar. Auch manche Äußerungen bei Kongress der Bundeszentrale, was die (Staat, Bildungseinrichtungen etc.) erst mal zu erfüllen haben, bevor es eine Zusammenarbeit gibt, führt aus meiner Sicht häufig dazu, dass die Bildungseinrichtungen die Herausforderung (und die Chancen!) von gemeinsamen Bildungsangeboten erst gar nicht annehmen. Vor diesem Hintergrund plädiere ich für eine pragmatische Vorgehensweise, denn suboptimale Angebote (im Sinne der Erfüllung von Kriterien der Inklusion) sind besser als gar keine Angebote.

Wie können Menschen mit Behinderungen für politische Bildung motiviert werden?

Des Weiteren stellt sich die Frage, wie Menschen mit (und ohne) Behinderung zur Teilnahme an politischen Bildungsseminaren motiviert werden können. Ditschek (2014) kritisiert Einrichtungen der Erwachsenenbildung. „Die Menschen, deren Einschränkungen sie auch daran hindern, selbstbewusst und selbstmotiviert Bildung in Anspruch zu nehmen, treffen auf eine Erwachsenenbildung, die bewusst oder unbewusst der Logik des 'Matthäus-Prinzips' huldigt: Wer hat, dem wird gegeben. Statt einer Willkommenskultur herrscht eine 'Komm-Struktur' vor: Wer kommt, der ist willkommen.“ Auch wenn aus meiner Sicht dieser Vorwurf für viele engagierte Mitarbeiter/innen von Volkshochschulen nicht zutrifft, bleibt das bereits zuvor konstatierte Problem, dass viele Menschen durch die Angebote von allgemeinen Erwachsenenbildungseinrichtungen nicht erreicht werden.

Literatur

Ackermann, Karl-Ernst/Ditschek, Eduard Jan (2015): „Voraussetzungen, Ziele und Orte inklusiver politischer Erwachsenenbildung“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, 230- 242.

Ditschek, Eduard Jan (2014): „Betroffenheit als Voraussetzung“, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Werkstatt inklusiv, http://www.bpb.de/lernen/projekte/inklusiv-politisch-bilden/180223/betroffenheit-als-voraussetzung.

Lutz, Jürgen (2004): „Integrative politische Bildung – eine Quadratur des Kreises?“ in: Anna Rieg-Pelz (Hg) „Mitdenken – Mitreden – Mitwirken. Politische Bildung mit allen und für alle Menschen“, Erwachsenenbildung konkret 8, 2004, S. 24-32.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Drei Mythen zur inklusiven Schule

In einem interessanten Beitrag für Politik Digital räumt Raphael Hofäcker gleich mit drei Mythen zur inklusiven Schule auf.

Mit Verweis auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt er, dass Inklusion tatsächlich mehr finanzielle Ausgaben bedeutet, aber gleichzeitig die Abhängigkeit von sozialen Hilfesystemen reduziert und mehr ausgebildete Arbeitskräfte hervorbring.

Auch das Argument, dass Inklusion auf dem Rücken leistungsfähiger Schüler umgesetzt wird, lässt er nicht gelten und verweist, dass sie auch positive Auswirkungen haben kann, besonders bei der emotional-sozialen Entwicklung

Derzeit– so Mythos 3 – ist Inklusion mit unserem selektiven Bildungssystem nur wenig vereinbar. Hier fordert der Autor, dass exklusive Räume geschafft werden müssen. „Inklusive Schulen zeigen, dass gemeinsames Lernen funktionieren kann und dass sie leistungsfähige Schüler/innen hervor-bringen können.“

Montag, 18. September 2017

Verhindern Werkstätten für Behinderte die Inklusion?

Ein interessanter Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der mit einer provozierenden Frage beginnt: Verhindern Werkstätten für Behinderte die Inklusion?

Schwierigkeiten für Werkstätten für Behinderte 

Klar ist, dass die Werkstätten mit ihren rund 300.000 Menschen in ihrer Existenz gefährdet wären, wenn die Integration in den ersten Arbeitsmarkt - wie auch von der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert - gelingen würde.
Plausibel ist auch das Argument, dass es Werkstätten schwieriger, wenn sie ihren besten Mitarbeiter/innen.

Budget für Arbeit als Alternative? 

Ein "Budget für Arbeit", d.h. Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber, die die geringere Arbeitsleistung ausgleichen soll, könnte eine Alternative sein. Auch wenn dieses Modell sicher nicht optimal ist, scheint es immer noch besser zu sein als alle Werkstätten zu schließen wie in Großbritannien - dort sind jetzt die Hälfte der ehemaligen Beschäftigten arbeitslos.

Freitag, 8. September 2017

Ausschluss vom Wahlrecht - eine Schande für die Demokratie

Auf SPIEGEL ONLINE ist ein Kommentar erschienen, der mir aus der Seele spricht: Der Ausschluss von 85000 Menschen von der Wahl ist nicht nur ein klarer Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention, sondern auch eine Schande für unsere liberale Demokratie

Wer also darf die Grenze ziehen und wo?

Ja, es gibt Menschen, die objektiv nicht in der Lage sind, eigenmächtig wählen können, aber – so fragt die Autorin Heike Klovert völlig zurecht: Wenn man die Wahl tatsächlich vor Manipulation schützen möchte, warum dürfen Demenzkranke wählen? Und sind wir nicht alle irgendwie beeinflusst - von Freunden, Kollegen, TV-Werbung oder letztendlich doch leerem Wahlkampfgeschwätz? Wer also darf die Grenze ziehen und wo?

Ohne Stimme

Auch die Süddeutsche berichtet über den Wahlausschluss, der in den Bundesländern ganz unterschiedlich gehandhabt wird. Ob man als Behinderter wählen darf oder nicht, ist damit eine Frage des richtigen Wohnorts, das hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun."

Wahlausschluss endlich abschaffen

Deshalb: Diese Regelung gehört abgeschafft. Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben es bereits gemacht, andere EU-Staaten hatten nie so eine Regel.
Ich erlebe in meinen Seminaren häufig hoch interessierte Menschen mit Behinderungen, die sehr gut Bescheid wissen - ich bin mir nicht sicher, ob der Mann oder die Frau auf der Straße immer genauso gut Bescheid wissen. Natürlich kann man argumentieren, dass manche Menschen nicht in der Lage sind zu wählen – dann aber bitte klare Kriterien für alle. Außerdem: durch Information und Aufklärung kann man Menschen auch dazu bringen, sich zu interessieren.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Ohne Fachkräfte und Unterstützer/innen geht nicht viel

Seit 2000 biete ich Bildungsseminare für Menschen mit Behinderung. Eine wichtige Erkenntnis: Die Bedeutung von Fachkräften und Unterstützer/innen kann für das Zustandekommen Veranstaltungen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Organisation und Werbung


Meine Seminare für die Diakonie Stetten werden sowohl im Fortbildungsprogramm der Diakonie Stetten als auch im Programm der VHS Unteres Remstal ausgeschrieben.
Die Teilnehmer/innen kommen aber nur dann zahlreich zu den Seminaren, wenn die Verantwortliche für die Fortbildung über die Wohngruppen der Diakonie sowie persönliche Ansprache Werbung betrieben hat. Das Gegenteil mussten wir bei der Ausstellungseröffnung erleben, als die Verantwortliche krankheitsbedingt ausgefallen ist. Die Veranstaltung war zwar gut besucht, von der Zielgruppe waren aber nur wenige da.

Begleitung zu Veranstaltung


Fachkräfte und Unterstützer/innen sind als auch Begleiter/innen zu den Seminaren wichtig.
 Viele potentielle Teilnehmer/innen der Seminare an der Diakonie Stetten wohnen seit der Dezentralisierung im ganzen Remstal verstreut. Von der Zeit und Bereitschaft der Fachkräfte hängt es ab, ob Interessent/innen der Wohngruppen erscheinen.
 Auch die Analyse der Veranstaltungen zur Landtagswahl im Rahmen des Projekts „Politische Teilhabe“ verdeutlichen die Bedeutung. Die Zieglerschen haben vier Podiumsdiskussionen veranstaltet, die ähnlich aufgebaut und intensiv beworben wurden. Eine Erklärung hierfür das Engagement von Fachkräften und Unterstützer/innen. Dies war exemplarisch in Wilhelmsdorf zu beobachten – einige Fachkräfte begleiteten teilweise über 10 Personen, unterstützten sie beim Quiz und begleiteten sie auch bei der Podiumsdiskussion und der anschließenden Fragerunde.

Fachkräfte als Multiplikator/innen


Ein wichtige Rolle haben Fachkräfte auch als Multiplikator/innen. Sie stehen im täglichen Kontakt und fungieren dadurch bei Fragen oder Problemen oft als erste Ansprechpersonen. Sie sollten die Menschen ermutigen und bestärken, ihr Wahlrecht auszuüben, dazu zählen neben der Schaffung von Rahmenbedingungen auch die inhaltliche Vorbereitung. Ritters Analyse (Ritter 2015) bezieht sich auf Wahlen, lässt sich aber auf den Einfluss von Fachkräften auf die Teilnahme an Bildungsseminaren und am politischen Leben insgesamt übertragen.
 Sehr gefreut habe ich mich über drei Betreuer/innen, die bei einem Seminar zur Landtagswahl teilgenommen haben. Sie informierten sich über die Wahlen und sammelten Informationsmaterial, um gezielt die von ihnen betreuten Menschen zu informieren und zur Wahl zu motivieren.
 Broschüre der Landeszentrale
 Zur Kommunal- und Europawahl 2014 hat die Landeszentrale eine Broschüre für Assistenzkräfte veröffentlicht, in der neben Informationen zu den Wahlen beschreiben wird, wie diese ihre Klientel zur Teilnahme an Wahlen motivieren können.

Weitere Informationen


Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (2014): Einfach wählen gehen! Leitfaden zur Kommunal- und Europawahl für Assistenzkräfte, Download.

Ritter, Florian (2015): „Menschen mit geistiger Behinderung und die politische Teilhabe am Beispiel von Wahlen. Rahmenbedingungen der Politik, Aufgaben der Behindertenhilfe und Möglichkeiten der Partizipation“, Bachelorarbeit DHBW Stuttgart.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Artikel in LpB-Zeitschrift "Bürger und Staat"

Die Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift „Bürger und Staat“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg behandelt das Thema Inklusion. In dem Beitrag „Politische Bildung mit Menschen mit Behinderungen“ erläutere ich, wie inklusive politische Bildung funktionieren kann. Besonders geeignet sind Wahlen und Besuche von Politiker/innen. Bei der Methode ist auf leichte Sprache zu achten.

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Sie können die Zeitschrift über die Homepage der Landeszentrale bestellen oder herunterladen. Mein Artikel steht auf den Seiten 74 bis 81.