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Donnerstag, 8. März 2018

Zielgruppenorientierte oder inklusive Angebote - oder beides?!

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob zielgruppenorientierte Angebote für Menschen mit Behinderungen positiv oder negativ für die inklusive politische Bildung sind.

Inklusive oder zielgruppenorientierte Angebote –oder beides?! 

Das Konzept der Zielgruppenorientierung entstand während der gesellschaftlichen Reformdiskussion in den 70er Jahren. Die damalige Debatte war durch das demokratische Postulat ebenso geprägt wie durch die ökonomische Notwendigkeit nach steigender Qualifizierung von Arbeitnehmer/innen. Das Konzept zielte darauf, die Lebensumstände einer homogenen Zielgruppe zu verbessern und richtet die pädagogische Aufmerksamkeit auf Bildungsbenachteiligte (vgl. Lutz 2004: 28).

Menschen mit Behinderungen sind keine homogene Gruppe 

Die Übertragung dieses Konzepts auf Menschen mit Behinderung ist schon deshalb fragwürdig, weil es sich nicht um eine homogene Gruppe handelt. Hinzu kommt der eklatante Widerspruch zur Inklusion, denn Menschen müssen sich stigmatisieren lassen, bevor man ihnen hilft. Zielgruppenorientierte Angebote könnten die Exklusion sogar noch verstärken, „einerseits durch die Separierung, andererseits durch die defizitorientierte Perspektivierung“ (Zurstrassen 2014).
Auch Ackermann verweist darauf, dass die Zielgruppenorientierung in der Erwachsenenbildung mit dem Anspruch auf Inklusion kollidiert, betont aber, dass „die Forderung nach offenen Angeboten den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen bzw. Teilhabeeinschränkungen nicht gerecht wird.“ (Ackermann 2014).

Scheingegensatz zwischen Inklusion und Zielgruppenorientierung 

Dönges und Köhler (2015: 87) sprechen von einem Scheingegensatz zwischen inklusiver und zielgruppenorientierter Vorgehensweisen und zeigen anhand eines Partizipationsmodells für einzelne Menschen, dass an die Stelle von Zuschreibung von Defiziten die Identifizierung von Barrieren und der Versuch deren Beseitigung treten kann. Auch Besand und Jugel (2015: 105ff) fokussieren auf das Erkennen und Überwinden von Exklusionsmechanismen und  plädieren für eine zielgruppenspezifische politische Bildung jenseits tradierter Differenzlinien wie Herkunft, Behinderung oder Geschlecht. Vielmehr sollten Zugangserschwernisse wie Kommunikation oder bauliche Beschaffenheit thematisiert und beseitigt werden.

Gefordert wird deshalb ein „sowohl-als-auch“: „Inklusive politische Erwachsenenbildung beinhaltet einerseits separate Kurse für Menschen mit Behinderung zu Themenbereichen wie Selbstbestimmung oder persönliche Assistenz, andererseits Kurse, in denen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung gemeinsam an politischen Themen arbeiten. Schließlich hat politische Erwachsenenbildung nicht nur die Aufgabe, Betroffene zu Wort kommen zu lassen, sondern auch Betroffenheit im Sinne von Empathie herzustellen.“(Ackermann/Ditschek 2015: 240)
Dies kann durch gezielte Unterstützung z. B. durch Assistent/innen oder Gebärdendolmetscher/innen während „normaler“ Seminare geschehen, aber auch durch differenzierte Angebote. Dies können Fortbildungen sein, vorbereitende Einheiten vor den eigentlichen Veranstaltungen oder Seminare, die speziell auf die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen ausgerichtet sind.

Literaturhinweise


Ackermann, Karl-Ernst (2014): Politische Bildung für eine inklusive Gesellschaft, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Werkstatt inklusiv, http://www.bpb.de/lernen/werkstatt-politikdidaktik-inklusiv/180603/k-e-ackermann-politische-bildung-fuer-eine-inklusive-gesellschaft ..

Ackermann, Karl-Ernst/Ditschek, Eduard Jan (2015): „Voraussetzungen, Ziele und Orte inklusiver politischer Erwachsenenbildung“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, 230- 242.

Besand, Anja/Jugel, David (2015): „Zielgruppenspezifische politische Bildung jenseits tradierter Differenzlinien“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S.99-109.

Dönges, Christoph/Köhler, Jan Markus (2015): „Zielgruppenorientierung oder Inklusion in der politischen Bildung – Dilemma oder Scheingegensatz?“,  in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S. 87-98.

Lutz, Jürgen (2004): „Integrative politische Bildung – eine Quadratur des Kreises?“ in: Anna Rieg-Pelz (Hg) „Mitdenken – Mitreden – Mitwirken. Politische Bildung mit allen und für alle Menschen“, Erwachsenenbildung konkret 8, 2004, S. 24-32.

Zurstrassen, Bettina (2014):“ Inklusive Didaktik der politischen Bildung? Überlegungen als Beitrag zur Definition eines Begriffs (aus Sicht der Politikdidaktik)“, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Werkstatt inklusiv, http://www.bpb.de/lernen/werkstatt-politikdidaktik-inklusiv/180303/b-zurstrassen-inklusive-didaktik-der-politischen-bildung, 2014.

Sonntag, 2. Juli 2017

Informationen - Aktion Mensch

Eine der wichtigsten Informationsquellen für meine Arbeit sind die Seiten der Aktion Mensch. Die Umbenennung von „Aktion Sorgenkind“ in „Aktion Mensch“ symbolisiert auch ideal, den Wandel der letzten Jahre – weg von der Defizitorientierung hin zur Inklusion.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört.

Sie liefert nach meiner Meinung nach einer der besten und klarsten Definitionen von Inklusion: alle Menschen sollen ganz normal dazu gehören.
Denn, „wenn alle Menschen dabei sein können, ist es normal verschieden zu sein“.

Dem ist fast nichts hinzufügen außer dem Hinweis, dass es auf dieser Seite auch noch ein tolles Erklärvideo zur Inklusion gibt und zahlreiche weitere Informationen.

https://www.aktion-mensch.de/themen-informieren-und-diskutieren/was-ist-inklusion.html

Donnerstag, 11. Mai 2017

Ohne Fachkräfte und Unterstützer/innen geht nicht viel

Seit 2000 biete ich Bildungsseminare für Menschen mit Behinderung. Eine wichtige Erkenntnis: Die Bedeutung von Fachkräften und Unterstützer/innen kann für das Zustandekommen Veranstaltungen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Organisation und Werbung


Meine Seminare für die Diakonie Stetten werden sowohl im Fortbildungsprogramm der Diakonie Stetten als auch im Programm der VHS Unteres Remstal ausgeschrieben.
Die Teilnehmer/innen kommen aber nur dann zahlreich zu den Seminaren, wenn die Verantwortliche für die Fortbildung über die Wohngruppen der Diakonie sowie persönliche Ansprache Werbung betrieben hat. Das Gegenteil mussten wir bei der Ausstellungseröffnung erleben, als die Verantwortliche krankheitsbedingt ausgefallen ist. Die Veranstaltung war zwar gut besucht, von der Zielgruppe waren aber nur wenige da.

Begleitung zu Veranstaltung


Fachkräfte und Unterstützer/innen sind als auch Begleiter/innen zu den Seminaren wichtig.
 Viele potentielle Teilnehmer/innen der Seminare an der Diakonie Stetten wohnen seit der Dezentralisierung im ganzen Remstal verstreut. Von der Zeit und Bereitschaft der Fachkräfte hängt es ab, ob Interessent/innen der Wohngruppen erscheinen.
 Auch die Analyse der Veranstaltungen zur Landtagswahl im Rahmen des Projekts „Politische Teilhabe“ verdeutlichen die Bedeutung. Die Zieglerschen haben vier Podiumsdiskussionen veranstaltet, die ähnlich aufgebaut und intensiv beworben wurden. Eine Erklärung hierfür das Engagement von Fachkräften und Unterstützer/innen. Dies war exemplarisch in Wilhelmsdorf zu beobachten – einige Fachkräfte begleiteten teilweise über 10 Personen, unterstützten sie beim Quiz und begleiteten sie auch bei der Podiumsdiskussion und der anschließenden Fragerunde.

Fachkräfte als Multiplikator/innen


Ein wichtige Rolle haben Fachkräfte auch als Multiplikator/innen. Sie stehen im täglichen Kontakt und fungieren dadurch bei Fragen oder Problemen oft als erste Ansprechpersonen. Sie sollten die Menschen ermutigen und bestärken, ihr Wahlrecht auszuüben, dazu zählen neben der Schaffung von Rahmenbedingungen auch die inhaltliche Vorbereitung. Ritters Analyse (Ritter 2015) bezieht sich auf Wahlen, lässt sich aber auf den Einfluss von Fachkräften auf die Teilnahme an Bildungsseminaren und am politischen Leben insgesamt übertragen.
 Sehr gefreut habe ich mich über drei Betreuer/innen, die bei einem Seminar zur Landtagswahl teilgenommen haben. Sie informierten sich über die Wahlen und sammelten Informationsmaterial, um gezielt die von ihnen betreuten Menschen zu informieren und zur Wahl zu motivieren.
 Broschüre der Landeszentrale
 Zur Kommunal- und Europawahl 2014 hat die Landeszentrale eine Broschüre für Assistenzkräfte veröffentlicht, in der neben Informationen zu den Wahlen beschreiben wird, wie diese ihre Klientel zur Teilnahme an Wahlen motivieren können.

Weitere Informationen


Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (2014): Einfach wählen gehen! Leitfaden zur Kommunal- und Europawahl für Assistenzkräfte, Download.

Ritter, Florian (2015): „Menschen mit geistiger Behinderung und die politische Teilhabe am Beispiel von Wahlen. Rahmenbedingungen der Politik, Aufgaben der Behindertenhilfe und Möglichkeiten der Partizipation“, Bachelorarbeit DHBW Stuttgart.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Leichte Sprache ist keine einfache Sache

Die Forderung und auch die Verwendung leichter Sprache werden immer populärer. Leichte Sprache ist ein wichtiges Element, um allen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen.
 Bei meinen Seminaren für Menschen mit Behinderungen versuche ich, leichte Sprache zu verwenden. Auch in meinen Artikeln und zuletzt bei der Erstellung einer Hilfestellung zur Durchführung europapolitischer Bildungsangebote steht das Thema im Mittelpunkt.

Leichte Sprache ist keine einfache Sache

Leichte Sprache ist keine einfache Sache, wie Seitz (2014) zu Recht feststellt: „Es geht darum, Zugänge zu komplexen Sachzusammenhängen zu ermöglichen, die Zusammenhänge aber nicht unangemessen zu vereinfachen, sondern auf das Wesentliche hin zu konzentrieren, gewissermaßen eine Essenz des Textes zu erschließen.
 Viele Internetseiten bieten mittlerweile Versionen in einfacher Sprache und insbesondere vor Wahlen bieten sowohl Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung und auch Parteien Informationen in leichter Sprache.

Informationen für ein selbstbestimmtes Leben

Leichte Sprache kann damit Menschen mit Behinderungen helfen, sich Zugang zu Informationsinhalten zu verschaffen, es ist ein „Schlüssel zur Enthinderung der Gesellschaft und zu mehr Selbstbestimmung“ (Aichele 2014: 15). Leichte Sprache sichert den Teilnehmenden „den Zugang zu einem Wissen, das notwendig ist, um eigene Rechte zu vertreten und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“ (Seitz 2014: 5).

Chancen und Gefahren leichter Sprache

Aber es gibt auch kritische Stimme, so befürchtet Zurstrassen (2015: 130ff), dass leichte Sprache Exklusion sogar verfestigen könnte. Sie sieht durch die Sozialisierung in Richtung leichter Sprache eine Ausgrenzung, die Entwicklungschancen einschränkt und verweist auf die Gefahr von interpretativen Übersetzungen. In der Tat entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass sich im Rahmen der Inklusionsdebatte eine eigene Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt hat. Die leichte Sprache hat sich zu einem Wirtschaftszweig entwickelt, bei dem Übersetzungsbüros viel Geld verdienen können.
Ich sehe überwiegend Chancen, denn der Einsatz von leichter Sprache anstelle von Fachchinesisch oder guter Erklärung von notwendigen Fremdwörtern könnte allen Menschen das Verständnis für Politik erleichtern (Lutz 2016). die Vermeidung oder gute Erklärung von Fremdwörtern und die Verwendung von Bildern und Symbolen bei Präsentationen.

Beliebte Broschüren in leichter Sprache

Das Interesse an den Broschüren in leichter Sprache ist riesig und spricht offensichtlich auch Menschen an, die eigentlich gar nicht zur Zielgruppe gehören. Vielleicht können auf diesem Weg auch andere sogenannte politikferne Schichten erreicht werden. Dasselbe gilt für Parteiprogramme: wer hat schon Zeit und Lust alle ausführlichen Programme zu lesen? Und außerdem: wer es nicht schafft in leichter Sprache zu überzeugen schafft es vermutlich auch nicht mit dem „richtigen“ Programm.
Besonders populär sind Broschüren zur Wahlen, mit der Reihe „einfach Politik“ bietet die Bundeszentrale für politische Bildung auch Informationen zu anderen Themenfelder, so z.B. zu Europa und dem Thema Asyl.

Literaturhinweise

Aichele, Valentin (2014): Leichte Sprache – Ein Schlüssel zu „Enthinderung“ und Inklusion, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 9-11/2014. Leichte und Einfache Sprache, S. 19-25.

Bundeszentrale für politische Bildung  (2015): einfach Politik:  Ein Heft über: Die Europäische Union.

Bundeszentrale für politische Bildung (2016): einfach Politik: Flucht und Asyl.

Lutz, Jürgen (2016): Politische Bildung mit Menschen mit Behinderungen. In Der Bürger im Staat, 2016/1, Seite 74-80.

Seitz, Simone (2014): „Leichte Sprache? Keine einfache Sache“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 9-11/2014. Leichte und Einfache Sprache, S. 3-6.

Zurstrassen, Bettina (2015): „Inklusion durch Leichte Sprache? Eine kritische Einschätzung“, in: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hg,): Didaktik der inklusiven politischen Bildung, S. 126-138.