Donnerstag, 9. Juli 2026

Wie sinnvoll sind die geplanten Einsparungen bei Schülern mit Behinderung?

Im SPIEGEL analysieren Swantje Unterberg und Silke Fokken die Sparpläne bei Schülern mit Behinderung: Die einen sorgen sich, dass ihr Kind bald keine Hilfe mehr bekommen – die anderen fürchten Chaos im Klassenraum.

600.000 Kinder mit sozialpädagogischem Förderbedarf 

In Deutschland gibt es rund 600.000 Schülerinnen und Schüler mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“. Sie haben Anspruch auf eine Schulassistenz, um ihr Recht auf Bildung und Teilhabe zu garantieren. Die Einschränkungen umfassen körperliche und motorische Einschränkungen, geistige Behinderung oder „seelische Behinderung“. Darunter fallen Autismus, ADHS oder Angststörungen. Deren Anzahl hat sich in den zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Kosten für diese Gruppen haben sich sogar verdreifacht, deshalb fordern die zuständigen Kommunen Entlastung. 

Poollösungen statt Eins-zu-eins-Betreuung 

Die Regierung plant, anstelle der Eins-zu-eins-Betreuung Poollösungen zur Regel zu machen. In diesem Fall kümmern sich Schulassistenten gleichzeitig um mehrere Kinder. Dies soll Kosten sparen, das System aber auch effizienter machen. Viele Menschen beschweren sich. Eltern behinderter Kinder sorgen sich, dass ihren Kindern nicht mehr die notwendige Betreuung bekommen, andere Eltern befürchten Chaos. 

Große Unterschiede bei der Umsetzung 

Die Umsetzung der bisherigen Regeln verläuft sehr unterschiedlich. Sind Betreuer von Kindern mit einer Autismus-Spektrum.-Störung fast pausenlos im Einsatz, haben andere wenig zu tun. Fachleute sprechen von den „hilflos häkelnden Helfern“, da viele der Assistenzen nicht ausreichend qualifiziert sind. Tatsächlich gibt es Schulen, in denen es zu viele Schulbegleiter gibt. Die Strukturen sind sehr unterschiedlich, die Kosten steigen aber überall – In Hamburg haben sich die Zahlen seit 2014 versechsfacht. Dies liegt an den Lohnerhöhungen und immer mehr Kinder mit Förderbedarf. 

Bewusste Entscheidung für Poollösung 

Einige Schulen haben sich bewusst für Poollösungen entschieden. „SO viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich.“ Die Verantwortlichen wollen verhindern, dass Assistenten ihren Schützlingen alles abnehmen. In der beschriebenen Schule funktioniert der Unterricht auch ohne die an diesem Tag erkrankte Lehrerin. Betreuer Unterstützungen mit Büchern und Lesespielen auf unterschiedlichem Niveau. 

Varianten von Pooling 

Die Ansätze von Pooling unterscheiden sich:
Beim »fallabhängigen Pooling« teilen sich mehrere Kinder mit Assistenzanspruch Schulbegleiter. Hier müssen entsprechend viele Anträge vorliegen.  
Beim »fallunabhängigen Pooling« bekommen Schulen etwa basierend auf der sozialen Zusammensetzung ihrer Schülerschaft und dem Anteil an Kindern mit Förderdiagnose eine Klassenassistenz. Einzelne Anträge wären dann nicht mehr notwendig. Erste Erfahrungen zeigen Vorteile, aber auch Probleme, da es immer Kinder geben wird, die individuelle Betreuung brauchen. 

Einschnitte befürchtet

Eltern sorgen sich, dass es zu Einschränkungen kommt, wenn auf Pooling umgestellt wird. Viele zweifeln, ob die Poollösungen wirklich allen Kindern gerecht wird. Wie wird sichergestellt, dass ein Team aus Lehrkräften, Erziehern und anderen Fachkräften wirklich für inklusive Strukturen sorgt?
Die Politik muss diese Fragen zugunsten der Kinder beantworten. 
Deutschland wurde schon zweimal von den Vereinten Nationen gerügt, da das gemeinsame Lernen von Kiner mit und ohne Behinderung nur schleppend umgesetzt werden. Die Vorgaben müssen ernsthaft umgesetzt werden, nicht nur ein bisschen.